Recht

Ich bin schuldig." Die Worte kamen mir leicht über die Lippen. Am liebsten hätte ich es noch tausendmal in Melodie und Takt in die Welt hiausgeschriehen. "Ich bin schuldig!"

Als ich noch Kind war, mußte man Angst vor der Schuld haben. Sie mußte bestraft werden. Aber heute gab es keine Bestrafungspflicht mehr. Nein, es war ja jetzt das gute Recht eines Schuldigen, sich bestrafen zu lassen.

Mein Anwalt klopfte mir auf die Schulter. Die Geschworenen klatschten. Hörte ich die freudige Musik nur in meinem Kopf, oder spielte da wirklich eine Band für mich auf? Der Richter kletterte von seinem Podest herab und umarmte mich herzlich. "Sehr gut, mein Junge! Du hast die richtige Wahl getroffen!"

Als ich noch Kind war, gab es noch die Todesstrafe. Der Staat befürwortete Folter, Entzug der Freiheit, und vieles mehr. Das war schrecklich! Inhuman! Aber diese Zeiten waren ja für immer vorbei.

Vor dem Gericht wartete ein Wagen - mein Gott - kein Wagen, eine schwarze Limusine mit getönten Scheiben und lächelndem Chaufeur mit weißen Handschuhen. Innnen drin lagen neue Kleider für mich. Nicht der blaue Einheitsdress der U-Haft. Teure, amerikanische Klamotten! Ich zog sie an, und fühlte mich wie ein König.
Und die Limusine fuhr aus der Stadt hinaus, durch Wiesen voller Blumen und wunderbare Wälder zu dem Ort meiner Besinnung. Der Chaufeur hielt mir die Tür auf. Ich stieg aus - und fragte mich ernsthaft, ob ich nicht wieder ein Kind sei.

02-27-98

-Pilgrim

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