Krallen und Zähne

Er saß in seinem Schlafzimmer und weinte. Weinte auf seinem Bett. Weinte schon, er wußte nicht wie lange. Und seine Tränen versiegten nicht. Doch sein Schluchzen konnte doch nicht ganz den Fernseher verdrängen, der im Wohnzimmer immer noch lief. Mit tränenverhangener Stimme schrie er. "Sei doch endlich still! Laß mir meinen Frieden!" Doch der Fernseher gehorchte ihm nicht. Die bunten Bilder, Werbung, das neue Waschmittel, das wunderbare Auto, die unglaublich dünne Damenbinde, Nachrichten, zweiter Block nach der Werbung. Nachrichtensprecher mit ernstem Gesicht, Bild von einem halbverhungertem schwarzem Kind.
Er schmiß etwas nach dem Apparat. Ein Zischen, dann spritzten Glassplitter im ganzen Zimmer umher. Flammen schlugen hinten aus den Lüftungsschlitzen. Er schaltete vorsichtshalber die Sicherung aus. Dann rief er den Elektriker.
Er trug immer einen Block in seiner Hosentasche - irgendwann hatte er jedoch aufgehört Gedichte zu schreiben. Zu etwa der Zeit, als er sich den Fernseher gekauft hatte. Und auch jetzt schrieb er nur zwei Sätze:

"Die Welt stürzt auf mich ein. Ich will ihr entfliehen."

Nächster Tag. Am morgen weckte ihn der Radiowecker. Nachrichten. Das Wasserglas, die Packung Schmerzmittel, drei Tage alt, Famienpackung, halb voll, und der Apparat fielen, als er seinen Nachttisch mit einem Schlag abräumte. Stille. Er ließ eine Zeile auf dem Block frei und schrieb wieder eine Zeile, über der letzten.

"Manchmal wünsche ich mir Klauen und Zähne die töten"

Und das tat er wirklich. Nein, so konnte es nicht weitergehen. Er zog sich seine lange schwarze Jacke an, nahm zwei oder drei Schmerztabletten, und ging los.
Der Weg war eine Qual. Was wollte er eigentlich? Glaubte er wirklich, jemand würde ihm Zähne und Klauen verkaufen? Um ehrlich zu sein - nein und ja. So konnte es nicht weitergehen. Aber überall, wohin er auch schaute, waren sie da. Fernseher sahen ihn aus jedem Geschäft in jeder Straße an. Er zückte seinen Block und quetschte die dritte Zeilen zwischen die beiden ersten.

"denn ich fühl mich so hilflos wie zappelnde Beute."

Das Waffengeschäft in der Fürther Straße. Eine Armbrust, mehrere Jagdgewehre und ein gutes dutzend Handfeuerwaffen lagen im Schaufenster aus. Krallen und Zähne.
Krallen und Zähne für die zappelnde Beute. Er betrat den Laden. Von einem Bekannten hatte er gehört, hier gebe es auch automatische Waffen. Er hatte Recht.

Nacht. Beginn einer zweiten Strophe:

"Der Mond zieht auf und macht die Nacht zum Tag."

Der Fernseher war inzwischen repariert. Genau wie das Radio. Es kam Werbung, als er die Uzi polierte. Vor ihm auf dem Tisch standen fünfundzwanzig Patronen. Er hatte sie nachgezählt. Die Rollos waren hinabgelassen. Bis auf den Apparat war es dunkel. Hinter ihm standen ein auseinandergebautes und gereinigtes Gewehr für Großwild (doch dafür würde er es nicht gebrauchen) und eines speziell für Scharfschützen. Ein Modell aus den Beständen der Sowjetunion. Daneben zwei große Plastiktüten voller Munition. Dum-Dum und leichte Explosionsgeschoße größtenteils.

"Heute ist der Tag der Rache gekommen."

Inzwischen war die Werbung von einem Tierfilm unterbrochen worden. Thema: Geparden. Etwas über den Artbestand in den Kriegsgebieten in Afrika. Er hob seine Uzi, als ob er sie dem Geparden auf dem Bildschirm vorführen wollte und grinste. "Das sind meine Krallen und Zähne!" Er sah auf den Schirm und sein Grinsen verschwand. Die Uzi fegte die Patronen vom Tisch. Alle 25. Das ganze Reih und Glied. Die Geschosse rollten noch über den Linoleumboden, als er die Wohnungstür hinter sich zuschlug. Nie kam er hierher zurück.

"Der Tag der Verwandlung, in das Tier stark und schön.
Heute sollen sie bezahlen für all den Schmerz und Verzweiflung,
weil sie glaubten ich sei nur harmlos, schwach und klein."

Er übernachtete in einem Hotel. Am nächsten morgen noch mal Waffengeschäft. Ein Jagddolch, siebzehn Zentimeter pure Stahlklinge. Dann Kaufhaus. Nur ein Poster. Zurück ins Hotel. Der Fernseher blieb aus. Er entrollte das Poster auf dem Bett. Dann nahm er das Messer. Der Schmerz war grell und wunderbar. Der Gepard auf dem Bild wurde von seinem Blut besudelt. Nicht zuviel, aber ja nicht zu wenig um zu vergessen, was er gesehen hatte. Er verband sich den Schnitt professionell. Dann ein Anruf. Er sagte seinen Namen. "Ich habe Rettungshelfer gelernt. Und Tierarzt. Ich kann mit einer Waffe umgehen - ich war beim Bund. Kann ich helfen?"
Erst im UN-Flugzeug Richtung Afrika fand er Zeit das Gedicht in Reinschrift zu bringen.

Manchmal wünsch ich mir Krallen und Zähne die töten,
denn ich fühl mich so machtlos wie zappelnde Beute.
Die Welt stürzt auf mich ein, ich will ihr entfliehen,
doch ich fühl mich so machtlos wie zappelnde Beute.

Der Mond zieht auf und macht die Nacht zum Tag.
Und ich fühl die Kraft, wie sie in mir erwacht.
Heute ist der Tag der Rache gekommen.
Der Tag der Verwandlung in das Tier stark und schön.
Heute sollen sie bezahlen für all den Schmerz und Verzweiflung,
weil sie glaubten ich sei nur harmlos, schwach und klein.


11-16-98

-Pilgrim

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